Paracelsus: "alle Wiesen und Matten, alle Täler und Höhen sind Apotheken Gottes"

Die heimische Beinwellpflanze, wissenschaftlicher Name Symphytum officinale, einst als "Königin der Heilpflanzen" bezeichnet, blickt auf eine fast 2000 Jahre währende Anwendungsgeschichte zurück.

Weitere regional unterschiedliche Bezeichnungen:
Wallwurz, Bruchkraut, Beinwurz, Beinheil, Schmerzwurz, Schadheilwurz, Schwarzwurz (nicht mit Schwarzwurzel gleichgesetzt), Soldatenkraut, Wottel, Heilwuttel, Speckwurz, Komfrei, Hälwurzel, Schleimwurz und andere mehr.

Zur Familie der Raublattgewächse (Boraginaceae) gehörend ist sie meist an feuchten, nährstoffreichen Standorten, wie Wiesen, Äckern und Gräben zu finden und gedeiht auf basischen und lehmigen Böden; häufig, oft massenhaft vorkommend an einem Standort.

Ordnung: Polemoniales
Unterklasse: Asternähnliche Asteridae
Gattung: Beinwell Symphytum
Art: Echter Beinwell
Gruppe: Stauden (kann bis zu 30 Jahre alt werden)
Klasse: Dreifurchenpollen-Zweikeimblättrige Rosopsida
Abteilung: Bedecktsamer

Verbreitung: von Mitteleuropa bis Sibirien verbreitet (gewisse Arten auch in Steppen anzutreffen; Symphytum aspermum), Nordamerika

Ursprung: pontisch-montan ("zentralasiatisches Steppengebiet bis nördlich des Schwarzen Meeres nach Osten ziehende" Vorkommensgebiete). Sehr viele Arten und Unterarten, sowie Züchtungen, dazu nur einige namentliche Beispiele:
Knoten-Beinwell (Symphytum tuberosum), Knollen-Beinwell (Symphytum bulbosum), Rauher Beinwell oder Kaukasus-Comfrey (Symphytum asperum Lepech.), Kaukasischer Beinwell (Symphytum caucasicum), Herzblättriger Beinwell (Symphytum cordatum), Großblütiger Beinwell (Symphytum grandiflorum), Kriechender Beinwell (Symphytum ibericum DC.), Weißer Beinwell (Symphytum officinale L. subsp. Bohemicum), Blauer Wallwurz (Symphytum peregrinum).
Aussehen: Die Pflanze ist 30 bis 120 cm hoch. Stengel und Blätter sind rauh, mit kurzen, borstigen Härchen versehen. Die grundständigen Blätter können bis zu 40 cm lang werden und sich zu großen Büscheln aufrichten. Der Stengel ist kräftig, bis zu 1 Meter hoch und trägt ebenfalls Blätter, diese sind schmal-lanzettlich und häufig am Stengel herablaufend. Die Blätter sind auf der Rückseite netznervig. Die Blüten sind glockenförmig (röhrenförmig und nach oben glockenförmig ausgeweitet), rosa, dunkelviolett, (echter Beinwell), weißblühende Arten eher in Mittel, West- und Osteuropa anzutreffen manchmal gelblichweiß. Blaue Blüten bei Symphytum peregrinum. Sie sind in überhängenden Trauben angeordnet und bedecken die Staubgefäße im Innern. Beinwellblütezeit von Mai-Juli. Die Wurzel ist lang (Pfahlwurzel bis zu 1 m), mehrköpfig, stark verästelt und hat eine raue dunkelbraune bis schwarze Schale, im Innern jedoch weißfleischig und mit hohem Schleimgehalt.
Geschichte: Der Beinwell gehörte zu den Säulen der Naturheilkunde und wurde von allen berühmten Ärzten von der Antike bis zur Neuzeit beschrieben, hoch geschätzt und eingesetzt.
  • als Heilpflanze erwähnt von Herodot (400 v. Chr.) und Hippokrates (350 v. Chr.)
  • erste umfassende Beschreibung als Heilpflanze im 1. Jahrhundert n. Chr. von Dioskurides in "De Materia Medica Libri V" (erwähnt Beinwell äußerlich angewandt zur Knochen- und Wundheilung, innerlich bei Blutspeien und Geschwüren)
  • Claudius Galenus im 2. Jh. n. Chr. besagt, "die Wurzel in Rotwein gesotten stille rote Ruhr und Bauchfluß, vertreibe Eiter aus Brust und Lunge..."
  • 12. Jh. Hildegard v. Bingen bezeichnet Beinwell als "Consolida" von lat. consolidare (befestigen).
  • Hieronymus Bock (Vater der Botanik genannt) empfiehlt 1551 "Beinwellpflaster" von Blatt und Wurzel für Beinbrüche.
  • Paracelsus arbeitet bereits mit der Pflanze.
  • Leonhard Fuchs berichtet 1543 in seinen Kräuteraufzeichnungen von Züchtungen des Beinwell und von heilender Wirkung.
  • Im 18.Jh. wird er als Zierpflanze von Russland nach England verschickt und später als Futterpflanze auch in Irland und Schottland angebaut.
  • Europäische Einwanderer und Missionare kultivieren den Beinwell in Nordamerika. Die Kenntnisse der alten Heilkundler gerieten aber in Vergessenheit, erst der Arzt Charles McAlister forschte über Allantoin, berichtet über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Beinwell und bestätigt die Heilwirkung bei Geschwüren.
Somit hält der Beinwell bis heute wieder Einzug nicht nur in die stark durch die organische Chemie geprägte Schulmedizin, sondern findet auch in der Naturheilpraxis, Homöopathie, Kräuterkunde und im kosmetischen Bereich seine Renaissance.

Ethymologisch ist sein Name zugleich Vorbedeutung:
Bein (Knochen)
well (wallen, altdeutsch) - zusammenfügen
Symphytum, (griech.) symphein: zusammenwachsen
Offinicale, (lat.) von offizina, offizinell: als Arznei-Heilpflanze näher bezeichnet; früher im Klostergarten angebaut.
Comfrey, (engl.) confervere: zusammenwachsen; "conferre" (lat.) bilden, vereinigen, zusammenfügen, "confirmare" (lat.): bekräftigen, verfestigen

Hauptwirkungen:
  • zellbildend
  • verflüssigt Wundsekret (wundreinigend)
  • regt Kallusbildung an
  • epithelisierend (Bildung des oberen Zellgewebes)
  • leitet Gewebserneuerung ein (Granulation=Wundheilung)
  • entfernt abgestorbenes Gewebe
  • wirkt gefäßerweiternd
  • abschwellend und schmerzlindernd
  • zusammenziehend und entzündungshemmend
In der Erfahrungsheilkunde galt der Beinwell als die Pflanze, die äußerlich verwendet bei allen Erkrankungen der Knochen, Gelenke, Sehnen und Muskulatur Anwendung fand: Brüche (Hernien) aller Art (Leisten-, Schenkel-, Hoden-, Zwerchfellhernien), Senk-, Knick-, Spreizfußbeschwerden, Arthritis, Arthrose, Sehnenscheidenentzündung, Verstauchungen, Zerrungen. Berühmtheit erlangte Beinwell auch aufgrund seines hohen Allantoingehaltes in der Wundheilung und bei den verschiedensten Hautproblemen (Ekzeme, Frostbeulen, Allergien, Schuppenflechte, Warzen, Verbrennungen, Schnitt- und Schürfwunden, Quetschungen) aber auch bei Haarausfall, Narbenschmerzen, Gürtelrose.
Zur innerlichen Anwendung wurde der Beinwell bereits durch Hippokrates (5.Jh. v. Chr.) empfohlen gegen verschiedene Beschwerden des Verdauungsapparates oder Katarrhe der Bronchialschleimhaut.
Der Vollständigkeit halber darf dieses Einsatzgebiet des Beinwell auch hier nicht unerwähnt bleiben, da in vielen Kräuterbüchern auch neuerer Autoren Beinwell als nährendes und mineralstoffhaltiges "Gemüse" empfohlen wird. Aber das auch als Tee verabreichte oberirdische Kraut eine Ergänzung unserer Ernährung darstellen kann.

Die Homöopathie berichtet, dass auf Beinwell der asthenische Konstitutionsstyp (schwächlich, kraftlos) positiv reagiert. Erfahrungsgemäß wird Symphytum mit großem Erfolg von Ärzten eingesetzt, wenn es zugleich innerlich und äußerlich verabreicht wird.
In vielen älteren Veröffentlichungen wird Beinwell nicht selten als Allheilmittel für Mensch und Tier gelobt.

Verwendete Teile:
  • Wurzel: Radix Consolidea, Radix Symphyti
  • Blätter: Folia Symphyti
Formen des Einsatzes von Beinwell in der früheren Heilkunst:

Wurzel:
  • als Brei für Auflagen und Umschläge
  • in Alkohol angesetzt als Tinktur zur Einreibung
  • in Schweineschmalz zu Salben verarbeitet
Blätter
  • gewalkte Blätter auf verletzte Knochen und Gelenke
  • Sud (mit kochendem Wasser) für Bäder und Gesichtstinkturen
  • Tee
Außermedizinsche Anwendung:
Kosmetik, Gartenbau, Landwirtschaft, Küche, früher Lederverarbeitung und Farbherstellung.

Inhaltsstoffe (nur eine Auswahl der Wichtigsten):
Wurzel:Allantoin, Cholin, Gerbstoffe, Schleim (darin Saccharide), Kohlenhydrate, Chlorogen- und Kaffeesäure, Spuren ätherischen Öls, Asche mit Kalium, Kieselsäure, Pyrrolizidinalkaloide (0,02-0,07 %), Calcium
Mineralstoffe: Ca, P, Fe, Mn, Co

Blätter:Allantoin, Gerbstoffe, Kieselsäure, viel Eiweiß, Cholin und Zucker, Esteralkaloid (Consolidin und dessen Spaltpodukt Consolicin), Vitamin B12, C, E, Chlorophyll, Schleimstoffe

Wirkung einiger Inhaltsstoffe:
  • Allantoin (Endprodukt des Abbaus von Nukleinsäuren, wertvoller Eiweißstoff für Eiweißsynthese bei Pflanzen; Beinwell ist die Pflanze mit dem höchsten Allantoingehalt, professionell angebaut enthält Beinwell 7 x mehr Allantoin als der Soja.)
    - regt Granulation (Wundheilung) an
    - löst Wundsekret
    - fördert Kallusbildung (Vorstufe zum Knochengewebe)
    - wirkt kühlend und abschwellend
  • Cholin (gehört zu den organischen Säuren, basischer Anteil des Lezitins)
    - reduziert Austritt von Gewebsflüssigkeit
    - beschleinigt den Ausgleich von Gewebsschädigungen
    - durchblutungsfördernd
    - ergänzt wundheilende Wirkung des Allantoins
  • Gerbstoffe
    - lokal adstringierend (zusammenziehend)
    - desinfizierend und blutstillend
    - porenverfeinernd
  • Schleim
    - stark lysinhaltig (Lysine sind Antikörper, die fremde Zellen und Krankheitserreger auflösen und abtöten)
    - juckreizstillend
    - hautberuhigend
  • Alkaloide (bieten im Allgemeinen Fraßschutz für die Pflanze, Frostschutzerhöhung, Abwehr von Pilzinfektionen etc.)
    Dazu gehören: Consolidin, Consolicin, Cynoglossin, Coniferin
    - in Verbindung mit den anderen Wirkstoffen für schmerzstillende Wirkung verantwortlich
    - mit Schleimstoffen wirken sie beruhigend auf Nervenenden
  • Pyrrolizidinalkaloide (0,02-0,07 %, im Beinwell, je nach Standort schwankend)
    An Tierversuchen konnte beobachtet werden, dass bei hohen isolierten Gaben des Alkaloides bei Ratten und Mäusen Leberschäden und Tumore auftraten. In der Naturheilkunde wurde Beinwell seit Jahrhunderten auch innerlich mit großem Erfolg verwendet, wie bei Magendarmerkrankungen, Lungenproblemen, inneren Geschwüre, ohne das er nachweislich schädigende Nebenwirkungen zeigte. Zahlreiche Teeaufbereitungshinweise und Kochrezepte sowie schriftliche Dokumentationen bekannter Heilkundiger (Dioskurides, C. Galenus, H. Ruffius) sind Zeuge dessen.
    Die Pyrrolizidinalkaloidmenge im Beinwell liegt weit unterhalb der Schwelle, welche für den Menschen gefährlich werden könnte. Andere heimische Pflanzen gehören ebenfalls zu den Trägern dieses Alkaloides, wie Fuchskreuzkraut, Borretsch, Pestwurz, Huflattich.
    Um sich im Rahmen der gesetzlichen Richtlinien zu bewegen möchten wir die innerliche Anwendung von Beinwell nicht betont empfehlen.
    Auch in der Schwangerschaft sollte vom inneren Genuss von Beinwell abgesehen werden.

    Paracelsus:
    "nur die Dosis allein macht das Gift"


  • Chlorophyll (katalysiert die Photosynthese)
    - wirkt beruhigend und erhöht Widerstandsfähigkeit der Haut
    - entgegnet Bakterienwachstum
  • Proteine (Eiweiß)
    - für den Erhalt der Körperzellen und deren Wachstum erforderlich
    - Zellstoffwechsel
  • Vitamin B12 (Antianämievitamin)
    - wichtig für Blutbildung und Zellaufbau
    - extrem wichtig bei Eiweiß-, Kohlenhydrat-, und Fettstoffwechsel
    - Nervenversorgung
  • Vitamin C (Ascorbinsäure)
    - fördert Immunabwehr
    - Antioxidanz gegen freie Sauerstoffradikale
    - unverzichtbar zur Anregung des Stoffwechsels, Hormon- und Enzymaktivitäten
  • Kieselsäure (Silicia)
    - für Haut, Haar, Nägel, Festigung des Bindegewebes,
    - Stärkung von Bändern und Sehnen
    - kann feste Ablagerungen und Schlacken auflösen
  • Calcium
    - fördert Wachstum und Erhalt der Knochen
    - wirkt blutgerinnend
  • ätherisches Öl
    - antibakterielle Wirkung
  • Kalium
    Chloratum wird benötigt zur Anregung des Zellstoffwechsels von Nervenzellen, Hirn- und Muskelzellen
    - Bildung roter Blutkörperchen
    Sulfuricum
    - als Sauerstoffträger
    - gegen Entzündungen
    - für Haut und Schleimhaut
Die Beinwellpflanze zählt somit zu den wichtigsten Vertretern der Flora.
Wegen ihres umfassenden Anwendungsbereiches kann sie mit Recht als "Königin der Heilpflanzen" bezeichnet werden.

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